19. Dezember 2019

Die goldenen Regeln der Kameraführung

Kamerabewegungen sind eines der wichtigsten filmischen Gestaltungsformen. Wie Sie mit Schwenks, Zoom und Fahrten stimmungsvolle, unvergessliche, spannende Atmosphären schaffen? Mit unseren goldenen Regeln der Kameraführung ein Kinderspiel.

Kamerabewegungen im Überblick

Bewegungen und Veränderungen wahrzunehmen: Darauf sind wir Menschen von Natur aus „trainiert". Deswegen spielen Kamerabewegungen und die Bewegungen der Menschen oder Objekte im Film eine so große Rolle – bewusst eingesetzt, lenken sie die Blicke und die Aufmerksamkeit der Betrachter und erzählen so die Story und bestimmen gleichzeitig das Erzähltempo.

Unabhängig von den Objekten oder Personen, die sich vor der Kamera bewegen, liefert die Kamera selbst drei Bewegungen:

  • Kamerafahrten, in der Filmbranche oft mit Kränen oder Wagen durchgeführt, klappen im Privaten auch mit einfacheren Mitteln: Kamera auf einen Rollwagen befestigen, Kamera samt Gimbal auf einem Fahrrad fahrend nutzen, Actioncam auf dem Fahrradhelm befestigen – sind nur ein paar Beispiele. Kern der Fahrt: Die Kamera bewegt sich selbst: Entweder begleitet sie eine sich bewegende Person, verfolgt ein Auto, oder sie bewegt sich auf Menschen oder Objekte zu.
  • Bei einem Schwenk dreht sich die Kamera um die eigene Achse, am besten auf einem Stativ.
  • Ein Zoom richtet die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf ein Detail („zoom-in") oder gibt schrittweise immer mehr eines anfangs gezeigten Ausschnitts preis („zoom-out").

Kamerabewegungen richtig ins Bild setzen

Das Geheimnis des richtigen Einsatzes von Bewegungen ist, dass man nicht nur weiß, wie man sie ins Bild setzt, sondern auch, wann und warum. Zuerst zum „Wie":

  1. Ein Schwenk oder eine Fahrt besteht immer aus drei Teilen: Zu Beginn ist die Kamera noch fest, die Bewegung findet im Mittelteil statt und am Ende steht die Kamera wieder still. Entscheidend: Das Ende planen! Dort liegt meist der Schwerpunkt der Aufnahme – sie darf unter keinen Umständen im Nichts enden.
  2. Schneidet man aus einem Schwenk oder einer Fahrt direkt auf eine Einstellung, in der sich die Kamera wieder bewegt, sollte die handelnde Person oder das bewegende Objekt im selben Bildsektor sein und nicht die Bewegungsrichtung ändern. Ein Beispiel: Ein Mann joggt in einem Park. Am Anfang sieht man ihn aus statischer Kamera-Position etwa in mittlerer Bildhöhe das Bild von rechts nach links durchlaufen. Nahaufnahme: Die Kamera schwenkt mit dem Jogger von rechts nach links. Er bleibt dabei in der Bildmitte. Totale von einem Standort weiter weg im Park: Der Läufer ist als kleine Figur in der Bildmitte zu erkennen, er joggt weiterhin von rechts nach links. Dasselbe gilt für eine Kamerafahrt oder die Kombination von Kamerafahrt und Schwenk.
  3. Kamerabewegungen müssen einen dramaturgischen Sinn verfolgen. Denn: Mit einem Schnitt ist der Betrachter schneller in einer neuen Szene als mit einer Kamerabewegung. Nichts langweilt Zuschauer mehr als unnötige Längen.
  4. Schwenks und Fahrten immer ruhig und präzise ausführen – am besten mit Stativ, Gimbal, Steadycam oder ähnlichem. Alles andere wirkt unprofessionell, es sei denn, eine taumelnde Kamera ist dramaturgisch sinnvoll. Aber selbst dann gilt: In Maßen zu genießen.
  5. Die sich bewegenden Personen oder Objekte sollten starten und stoppen bevor die Kamera sie verfolgt oder damit aufhört. Bewegungen von Personen oder Objekten lenken die Aufmerksamkeit des Zuschauers von denen der Kamera ab.
  6. Bewegen sich Personen und Objekte im Bild, muss die Platzierung im Bild stimmen: In Blick- und Bewegungsrichtung sollte Raum gelassen werden. Sonst wirkt es so, als bewege sich Mensch oder Objekt gegen eine Wand. Ebenfalls ist zwischen Kopf und oberem Bildrand immer etwas Platz zu lassen, wenn nicht ohnehin angeschnitten.
  7. Zoom-ins oder Zoom-outs mit Bedacht einsetzen. Die Darstellung widerspricht der menschlichen Natur: Schließlich muss der Mensch sich an Objekte, die er näher betrachten möchte, näher herantreten. Sprich: Statt Zooms sind oft harte Schnitte vom weiten auf das nahe Bild oder Kamerafahrten professioneller.

Welche Kamerabewegung zu welchem Zweck?

Nicht nur technisch gibt es bei Kamerabewegungen einiges zu beachten. Fast noch wichtiger als das Handwerkszeug sind die Gründe dafür, Kamerabewegungen einzusetzen. Sie müssen einer dramaturgischen Logik folgen, die Story unterstützen – kurz: Eine Funktion haben. Welche das sein könnte? Ein Überblick:

  1. Eine Kamerabewegung kann Emotionen vermitteln – etwa indem sie um eine Person kreist oder eine dramatische Situation aus seiner Sicht zeigt. Klassisches Beispiel: Der Busfahrer, der bemerkt, dass die Bremse versagt, während er bergab auf eine steile Kurve zusteuert. Man sieht zunächst das entgleiste Gesicht. Schnitt: Die Straße aus seinem Blickwinkel. Schnitt: Kamera rast auf Kurve zu.
  2. Kamerabewegungen können auch Akteure verkörpern, indem sie alles aus seinen Augen zeigen. Die Kamera bewegt sich dazu wie die Person: Sie taumelt, schleicht, zittert, etc. Andere handelnde Personen behandeln sie wie einen Akteur: Sie sprechen mit der Kamera, blicken zu ihr. Solche Kamerabewegungen funktionieren nur, wenn sie kurz eingesetzt werden. Dem Zuschauer ist klar, dass ihm das vorgegaukelt wird.
  3. Mit Schwenks oder Fahrten kann der Zuschauer überrascht werden. Beispiel: Die Kamera bewegt schwenkt von einem umgefallenen Hocker zu einer zerbrochenen Vase, einem umgestoßenen Beistelltisch und zeigt dann einen Hund, der am Teppich zieht. Spannung, die sich mit einem Aha-Erlebnis löst.
  4. Kamerabewegungen können dem Zuschauer Anblicke ersparen: Etwa dank eines dezenten Schwenks weg von der Schlägerei hin zu den Schatten an der Häuserwand.
  5. Kamerabewegungen sind ebenfalls ein schönes Stilmittel, um neue Figuren oder Objekte einzuführen – immer in Verbindung mit dem Verfolgen einer zentralen bewegten Handlung.