26. Juli 2020

Neue Controller, altes Protokoll - MPE macht mehr aus MIDI

Neue Controller, altes Protokoll - MIDI bleibt zukunftsfähig mit MPE

MIDI - das Ende einer Ära?

Seit der Einführung als standardisiertes Protokoll zur Übertragung von Noten-, Modulations- und Steuerungsdaten Anfang der 1980er Jahre, startete das "Musical Instrument Digital Interface" seinen Siegeszug. Führende Hersteller digitaler und analoger Musikinstrumente hatten sich zusammengetan, um die Ansteuerung ihrer Geräte zu vereinheitlichen. Mit der Auswahl an Produkten wuchs auch der Bedarf nach kompatiblen Austauschformaten. Kunden sollten nicht mit einer unübersichtlichen Anzahl individueller Lösungen konfrontiert werden.

Um die Kompatibilität in jedem Fall zu sichern, war MIDI seit 1983 nicht mehr grundsätzlich erneuert oder erweitert worden. Die Last zu übertragender Daten wuchs dagegen stetig weiter. Es galt, MIDI zu reformieren, ohne seine Grundfunktion außer Kraft zu setzen.

Kabelsalat de luxe

MPE - der Beginn einer Ära?

MIDI machte es möglich, von nur einem Anschluss aus verschiedene Geräte bzw. Programmbänke gleichzeitig anspielen zu können. Dank der Aufteilung der Übertragung in 16 virtuelle Kanäle war dies kein Problem. Bei vielen Musikproduzenten entwickelte sich auf dieser Grundlage das folgende Setup: Die DAW als zentraler Sequenzer für komplex verkabelte Klangerzeuger. Mit dem wachsenden Trend hinzu virtuellen Instrumenten im Rechner war eine aufwändige Verkabelung nicht mehr zwangsläufig.

Interessant wurden somit vor allem reine Controller, mit denen weiterhin haptische Kontrolle über ansonsten Software-basierte Klänge möglich war. Waren diese Controller anfänglich noch auf physische MIDI-Buchsen angewiesen, wurden solche Anschlüsse immer häufiger durch USB ergänzt oder ersetzt. Spätestens hier stellte sich die Frage: Warum sollte eine digitale Verbindung mit höherer Bandbreite noch auf ein Protokoll von 1983 verengt werden? Um das so entstandene Dilemma zwischen Kompatibilität und Funktionsbeschränkung zu lösen, fanden die Hersteller eine Lösung - MIDI Polyphonic Expression, kurz MPE.

Klangwellen reiten

Was kann MPE?

MPE weist jeder Note einen eigenen Kanal zu. So werden individuelle Modulationen für jede Note einzeln übertragen. Klassisches MIDI sendete Controllerdaten wie beispielsweise Pitch Bend nur einmal pro Kanal, so dass alle dort gespielten Noten gleich moduliert wurden. Bei MPE werden MIDI-Kanäle in kleinere Untersektionen - in Zonen - aufgeteilt, so dass weiterhin mehrere polyphone Instrumente parallel betrieben werden können. Bahn frei für kreative Spieltechniken!

Moderne Controller wie das ROLI Seaboard ermöglichen es dem Spielenden, mit seinen Fingern in mehreren Dimensionen auf den Klang einzuwirken, z.B. mit Druckbewegungen von links nach rechts, vor und zurück, hoch und hinunter. MPE wandelt diese Dimensionen in Klangparameter wie Pitch Bend, Aftertouch, Vibrato und andere frei wählbare um und gibt diese an geeignete Instrumente weiter.

Neben unzähligen experimentellen und neuartigen Sounds ermöglicht das Seaboard vor allem authentisch klingende Modulationen, die bisher akustischen Instrumenten vorbehalten waren. Singende Geigen und kraftvolle Gitarrensoli sind zwar immer noch eine Frage der Technik, aber nicht mehr auf Saiten beschränkt.

Das Seaboard und Samplitude Pro X

Einsteigen, mitmachen

MPE integriert einerseits fortschrittliche Controller und bleibt andererseits kompatibel mit dem MIDI-Standard.
DAWs wie Samplitude Pro X unterstützen explizit MPE, nutzen dafür aber weiterhin normale MIDI-Tracks. Alle gängigen Editierfunktionen bleiben erhalten. Sie sind jedoch jetzt auch auf einzelne Noten anwendbar.

Der Einsatz neuer expressiver Spielweisen ist keineswegs eine Nische für die Avantgarde elektronischer Musik. Produzenten, die aus Geschmack- oder Zeitgründen öfter Samplepacks und Emulationen anstelle aufwändiger Instrumentaleinspielungen verwenden, sind hier genau richtig!

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